Hop oder Top – ein Blick ins DIY Fotoalbum

Beim Stöbern im Fotoalbum hat man manchmal ja so seine Aha-Erlebnisse. Leute, die man fast vergessen hat. Autsch-Outfits, die einem noch heute die Schamesröte ins Gesicht treiben. Erlebnisse, die auch nach Jahrzehnten noch Gefühle produzieren. So ähnlich ist es mir vor Kurzem ergangen, als ich alte DIY-Projekte in meinen Fotoordner fand. Während man Urlaube und besondere Ereignisse in Fotobücher gießt, schaffen es die vielen kleinen dokumentierenden Fotos meist nicht in den Erinnerungsolymp. Aber warum eigentlich nicht? Zeigen sie doch auch einen oft nicht unwesentlichen Teil der eigenen Persönlichkeit und der selbstmotivierten Aktivitäten. So beschloss ich also, euch ein paar meiner alten Projekte zu zeigen. Und meinen Blick darauf aus heutiger Perspektive mit dazu. Denn nicht alles, was man früher genau so angepackt hat, würde man heute genauso machen. In persönlichen Beziehungen, in der Wahl der Urlaubsorte, klamotten- und einrichtungstechnisch, aber eben auch bei DIY-Projekten. Und es tut auch gut zu sehen, was man schon alles gut hingekriegt hat. Dann darf man ruhig ein bisschen stolz auf sich sein.

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Grabstein für meine Oma

Ist das weird? Ein bisschen schon, oder? Aber: warum eigentlich nicht? Nachdem meine Oma im stolzen Alter von 91 Jahren einen schnellen Herztod gestorben war, hatte es meine Familie jahrelang nicht auf die Reihe gebracht, sich auf einen schönen Stein zu einigen. Und da ich sowieso lange schon mal einen Bildhauer-Workshop machen wollte, kam ich auf die Idee, das eine mit dem anderen zu verbinden. In der Zeche Nachtigall in Witten wurde ein Wochenend-Kurs Steinbildhauerei angeboten, also zack angemeldet und voller Vorfreude hin. Ich wusste nicht, was mich erwartet. Es gab hellen Sandstein als Material und eine Einführung in die Bearbeitungstechniken sowie entsprechende Betreuung während der Arbeit. Ich sah mir die Blöcke an und überlegte, was man da Passendes rausschälen könnte. Und so kam ich auf die Idee, einen Ring zu meißeln, symbolisch für den Lebenskreis, eingebettet in unbehauenen Stein, symbolisch für die ungestaltbare, alles überwuchernde Natur. Die ersten zwei Tage hatte ich mit dem Ring zu tun: das Schwierigste war es, die Rundung perfekt hinzukriegen. Er sollte die Form eines Kranzes haben und natürlich kreisrund und überall gleich dick. Alles aus dem Lameng heraus, denn vorzeichnen ging nicht. Als ich damit zufrieden war, kam die Inschrift dran. Das war schwieriger, als ich gedacht hatte. Hier konnte und musste ich mir Hilfslinien aufzeichnen. Doch kaum rutscht mal der Meißel ab, stimmen die Abstände und Buchstabendurchmesser nicht mehr. Egal. Trotzdem war ich stolz und zufrieden, als mein Werk vollbracht war. Und so steht der Stein seit vielen Jahren auf dem Grab meiner Oma – persönlicher kann ein Abschied kaum sein, finde ich.


Große Handtasche mit diagonalem Reißverschluss

Ich habe schon seit über 20 Jahren Anfälle von Nähwahn, so ungefähr 1 bis 2mal im Jahr. Vor 4 Jahren sollte es mal nichts zum Anziehen sein, denn schon seit einiger Zeit schwirrte mir die Idee einer Handtasche im Kopf herum. Die Taschen im Handel, die mir wirklich gefielen, waren mir zu teuer, die nicht so teuren gefielen mir nicht wirklich. Also stöberte ich lange im Internet herum, bis ich auf einen faszinierenden Schnitt stieß: die Arya-Handtasche mit diagonalem Reißverschluss und viiiiel Platz drin. Auf einem meiner (für mein Portemonnaie) hochgefährlichen Besuche des holländischen Stoffmarktes fand ich schließlich den Stoff: ein Lederimitat, das mir ausnahmsweise gefiel und konstrastfarbenes Baumwollfutter in Türkis und Quietschrosa . Der Aufwand beim Nähen war ziemlich hoch. Ein ganzes Wochenende ging dabei drauf. Denn ich kann Kochen ohne Rezept, aber Backen geht nur mit. Und so ähnlich geht es mir beim Nähen. Vieles nähe ich ohne große Anleitung – wenn es nicht so darauf ankommt. Aber etwas so Komplexes wie diese Tasche funktioniert nur mit genauer Anleitung. Sklavische Vorarbeit mit Ausdrucken der Schnittteile, ausschnippeln, kleben, Stoffe zuschneiden, immer wieder Anleitung lesen und häppchenweise Nähen war angesagt. Und trotzdem wurde es nicht perfekt, wenn man genau hinsieht. Aber wer sieht schon so genau hin? Ich war und bin mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Und auch heute noch nutze ich die Tasche sehr oft. Sie ist ein Platzwunder! Durch den diagonalen Reißverschluss hat sie viel Tiefe und lässt sich angenehm weit öffnen. Perfekt für einen typischen Handtaschen-Messi wie mich.


Fußsäcke für Zockertiere

Meine Söhne hatten in ihrer frühen Jugend wie fast alle Jungs in dem Alter eine übergroße Leidenschaft für Zockerei am Computer bis tief in die Nacht. Irgendwann hatte ich den Kampf aufgegeben und darauf vertraut, dass das irgendwann verschwindet. Um vorzugreifen: Chill mal deine Basis, es verschwindet tatsächlich! Irgendwann. Bei fast jedem. Aber zurück zu Punkt X (Aufgeben, Akzeptieren): Meine Jungs hatten abends immer eiskalte Füße vom stundenlangen Maus-Traktieren. Und so kam ich auf die Idee, ihnen jeweils einen Fußsack zu nähen, in den sie ihre Füße stecken konnten, wenn es allzu kalt wurde, oder einfach zum Drauflegen als angenehme Erhöhung. Das gehörte zu den einfachen Dingen, für die ich mir selbst eine Anleitung überlegt hatte. Ich errechnete einen geeigneten Quader und fügte den Teil zum Hineinschlüpfen hinzu. Da es Winter und ergo keine Stoffmarkt-Zeit war, fuhr ich zu Stoff+Stil in Dortmund und fand dort schöne feste Deko-Baumwollstoffe als Außenstoff und Teddystoff für den Einschlupf. Im Internet bestellte ich Styroporkügelchen als Füllung. Das Nähen war relativ einfach, nur der Schlupf war etwas schwieriger. Ich ließ ein Loch zum Einfüllen der Kügelchen – und ab diesem Zeitpunkt begann der Stress!

Ich bastelte mir einen Papptrichter und war guter Dinge. Nun ja. Die Dinger sind dermaßen leicht und bewegungsfreudig, dass die Aktion pro Fußsack sicher 1 Stunde Füllzeit, 100.000 Nerven, Rückenschmerzen und eine nachfolgende Staubsaugerorgie kostete. Ich glaube manchmal, dass noch heute irgendwo diese Kügelchen herumschwirren. Die Jungs allerdings haben sich sehr über ihr neues Zocker-Accessoire gefreut und dieses auch ausgiebig genutzt. Mittlerweile haben sich die Interessen derart verlagert, dass die Fußsäcke kaum mehr genutzt werden. Aber sie existieren noch und harren ihrer Nutzung. Apropos: Ich habe auch mal kalte Füße und sitze oft stundenlang am PC. Und ich bin ja ‘ne Frau…


Liebe auf den ersten Blick – hauchzarte Gardinen

Vorweg: Ich bin eigentlich gar nicht der Gardinentyp. Aber als ich vor über 2 Jahren umzog, waren mir die großen Fenster mit weißen Metallrahmen und der Heizkörper einfach zu nackig für ein gemütliches Wohnzimmer-Ambiente. Lange habe ich recherchiert nach passenden Gardinen: Doch entweder waren sie zu kurz, zu kunstfaserlastig oder... ach, nichts, aber auch gar nichts löste in mir große Sympathie aus. Da half wieder Pinterest. Hier fand ich eine Gardine, die mit einem Farbverlauf gefärbt war. Das war es! Aber der Stoff sollte hauchzart sein, die Farbe türkis. Den Stoff „Zarter Baumwoll-Batist“ fand ich schließlich bei Amazon, aber aus mir unerfindlichen Gründen gibt es ihn nicht mehr, nur noch schwerere Varianten. Der Rest ist schnell erzählt: Stoff gewaschen, feucht auf die Leine gehängt und den unteren Rand in die Farbmischung gehängt. Die Farbe zieht sich immer schwächer werdend nach oben. Zum Schluss habe ich noch ein wenig mit einer Sprühflasche nachgeholfen. Getrocknet, aufgehängt, verliebt. Und diese Liebe hält bis heute!


Mein Puschelteppich – unter Schmerzen geboren

Im Rahmen meiner hyperaktiven Neueinrichtungsphase stieß ich bei Pinterest auf einen Puschelteppich, der mich optisch begeisterte und mir als „einfach zu machen“ verkauft wurde. Tja, einfach trifft durchaus auf Teilbereiche zu. Der einzelne Puschel, Bommel, Pompom ist tatsächlich einfach herzustellen. Mit Hilfe eines Pompom-Maker-Sets für verschiedene Größen und einer ganzen Batterie farblich abgestimmter Wollknäuel habe ich mir eine Großfamilie Pompoms in langen Fernsehabenden erarbeitet. Der einzelne Pompom entsteht, indem man die Wolle um den Pompommaker wickelt, schließlich unter nicht unerheblichem Kraftaufwand durchschneidet und mit einem Faden fixiert.

Doch der Preis ist hoch: sowohl für das Material als auch für die Finger. Vom Schneiden hatte ich irgendwann Blasen am Zeigefinger. Die Masse an Pompoms hat mich gesammelt mehrere Tage beschäftigt. Und das Anknüpfen der Bommel an die Stickunterlage, gebückt auf dem Boden robbend, war auch ein minder begeisternder Event. Doch einmal angefangen, wollte ich das auch durchziehen. Das Ende vom Lied: Ja, er sieht hübsch aus, ist fluffig weich und setzt einen Akzent im Raum. Aber der Aufwand steht aus heutiger Sicht in keinem Verhältnis zum Ergebnis. Ich glaube, ich habe noch nie so lange an einem DIY-Projekt gesessen wie daran. Und andere Aspekte an dem Ergebnis hatte ich auch nicht bedacht: Das fragile Objekt lässt sich nur schwer sauber halten und neigt zu Auflösungserscheinungen. Sorry, Wölkchen, du schaffst es nicht in den DIY-Himmel.

Was lernt man aus alten Projekten?


Zum Beispiel, die einzelnen Aspekte realistischer einzuschätzen: Kosten, Zeitaufwand für Materialbeschaffung und Arbeitsleistung, jeden einzelnen Schritt bedenken.

Und man sieht genauer hin, lernt genauer abzuwägen gegen den schnöden Erwerb eines Fertigprodukts. Um sich dann gelegentlich doch für letzteres zu entscheiden. Und wenn nicht: die unvergleichliche Zufriedenheit und Freude zu fühlen, wenn man etwas Einzigartiges, Passgenaues und Persönliches geschaffen hat. Ganz alleine.


Ich glaube, ich mache doch mal ein DIY-Fotoalbum.

Titel: „Lust, Schmerz und Freude. Meine Werke – 2000 bis 2020“