Endlich Regen – mein Ordnungssinn ist wetterfühlig



Es gibt viele Menschen, vorwiegend weiblichen Geschlechts, deren To-Do-Liste der Haushaltsroutine-Arbeiten nicht nur gehaltvoll ist, sondern auch in der Prioritätenliste über fast allem steht. Ich bewundere das ein bisschen. Denn natürlich fühle auch ich mich in einer gepflegten Umgebung wohl. Doch bei aller Bewunderung für die Putzfeen dieser Welt: zu dieser Spezies gehöre ich nicht, rein genetisch. Ich hab‘s versucht. Versuche es immer wieder. Schaffe es auch immer wieder. Aber die Widerstände sind doch gewaltig. Nehmen wir nur mal das Wetter...


Wochenlang Sonnenschein ist für mich das Paradies.

Denn wenn die Sonne ruft, zieht es mich magisch nach draußen. Auf der Terrasse gibt es schließlich auch immer was zu tun. Blumen beim Wachsen zusehen, ausputzen, gießen, Wäsche trocknen und falten, lesen, texten, quatschen, Kaffee trinken, telefonieren… Und auch die weite Welt lädt ein zum Laufen, Wandern, Joggen, Radeln, in Cafés Rumlungern. Am See, in Feld, Wald und Wiesen. Doch ein klein wenig ist Dauersonne auch mein persönliches Fegefeuer für den Zustand des Wohnungsinneren – denn Fegen fällt mir dann schwer, und ordnungsmäßig brennt dann so einiges an.


Die beständigen Rufe aus meiner Wohnung

sind schwächer als die Rufe der Sonne nach meiner Haut. Sobald ich jedoch rein gehe, melden sich all die Stimmen zu Wort, die mir das mitteleuropäische Mindestmaß an Ordnung abfordern. Ich weiche ihnen aus, laufe wieder raus oder nehme die geeigneten Kandidaten kurzerhand mit hinaus, um ihnen genüge zu tun. Gemüse schnippeln, Nägel polieren, Geschenke basteln, Wäsche zusammenlegen, Schuhe putzen: geht auch draußen. Meine Nachbarin hat sich schon kaputtgelacht, als sie mich auf der Terrasse bügeln sah. Doch es gibt immer noch genug, was man nicht draußen erledigen kann: die Pflege der unbeweglichen Dauerankläger aus dem Wohnungsinneren.


Nun hat sich das Wetter gedreht,

und ich drehe auf: das wechselhafte Klima zeigt sich als optimaler Ordnungshelfer. Endlich nicht mehr bei jeder Bewegung schwitzen. Endlich Milde über meinen Fensterscheiben statt knallharter Sonnenschein, der jedes Putzmanko gnadenlos ausleuchtet. Endlich ein frischer Wind, der meiner empfindlichen Haut ein längeres Draußensein nicht mehr ganz so angenehm macht. Endlich Wasser von oben, das mich von meinen Gießorgien entlastet.


Der momentane Mix aus Sonne, Wolken, Regen und Wind in Kombination mit gemäßigten Temperaturen, langer Helligkeit und Wochenende ist die ideale Grundlage für eine Vielzahl ungeliebter Tätigkeiten. Was schaffe ich nicht alles an so einem perfekten Samstag, wie schnell und gründlich bin ich auf einmal, wie ausdauernd und motiviert! Nicht nur die obligaten Böden und Flächen profitieren davon, auch die vielen Winkel und Schubladen, Untendrunters, Dahinters und Zwischenräume, deren Zustände mir einen Schreck einjagen, wenn ich mal zufällig mit Lesebrille draufblicke. Manchmal ist das Leben ohne Sehschärfe leichter.


Apropos Sehschärfe.

Sobald es dunkel wird, leidet meine Fähig- und Willigkeit zu Putzarbeiten ebenfalls. Weil ich die Ziele meiner mechanischen und chemischen Angriffe EINFACH NICHT GUT SEHE. Deshalb fallen meine Putzstunden im Winter auch ausschließlich auf helle Wochenendvormittage. Wohingegen im Sommer auch um 22 Uhr abends noch mal eine Runde Wischen drin ist. So gleicht es sich – übers Jahr gesehen – wenigstens aus. Ok, vielleicht eine schwache Ausrede. Vielleicht sollte ich einfach öfter mit Brille durch die Wohnung gehen.


Allerdings ist die ungeliebte Brille doch vor allem lesenden und schreibenden Tätigkeiten vorbehalten. Zum Beispiel auf Pinterest nach brandheißen Life-hacks über Wäschefalten, Putztricks und Ordnungshelferlein zu suchen. Dann pinne ich das und denke: Cool, mache ich auch mal. Morgen. Oder nächstes Wochenende. Ach nee, da bin ich ja weg. Also übernächstes…

Zumindest gibt mir diese Art der Beschäftigung mit dem Thema das Gefühl, tätig geworden zu sein.


Und dann scheint wieder die Sonne.