10 Dinge, an denen du merkst, dass du alt wirst – der Check-up


Kennst du das? Da präsentiert dir irgendein Portal eine knackige Überschrift, die dich mit irgendeinem Thema triggert, das einfach jeden mehr oder weniger interessiert: Schönheit, Gesundheit, Geld, Partnerschaft, Sex… Und manchmal -trotz deiner Erfahrung, dass da oft Klischees verarbeitet werden- klickst du drauf. Nur so aus Neugierde. Oder um kopfschüttelnd weiterzusurfen. So ähnlich ging es mir neulich. Überschrift: 10 Dinge, an denen du merkst, dass du alt wirst. Wobei das Futur bei mir sehr großzügig ausgelegt ist. Auch wenn ich mich längst nicht so scheintot fühle, wie ich für 20jährige erscheinen mag. Also Klick drauf und gegengelesen. Vielleicht, um mir heimlich zu bestätigen, dass ich ja doch nicht soooo alt bin. Oder um mich über die dargebotene jugendliche Überheblichkeit zu empören. Dabei habe ich mich dann doch hier und da ertappt gefühlt. Allerdings hätte ich doch noch ein paar Aber anzubringen. Aus meinem ganz persönlichen Horizont heraus. Hier eine Auswahl:


1. Gesteigerter Ordnungssinn


Ok. Niemand glaubt wohl ernsthaft, dass die jugendliche Total-Chaos-Phase ein Konstrukt für die Ewigkeit ist. Insofern ist jegliche Steigerung des Ordnungssinns weniger ein Beweis dafür, dass man alt, sondern eher, dass man erwachsen geworden ist. Also eine Grundreife erlangt hat, in der man Notwendigkeiten nicht mehr als Erfindung autoritärer Eltern begreift, sondern halt als hilfreiches Konstrukt zur Grundsteinlegung eines selbständigen Lebens.

Insofern, jo, bin auch ich erwachsener geworden. Und in den letzten Jahren sogar noch ein bisschen ordentlicher als in den 30ern. Und das nicht, weil mein OrdnungsSINN größer geworden wäre, sondern weil ich mehr ZEIT dafür habe, besonders seit meine Kinder flügge sind. Doch in der Prioritätenliste stand und steht Ordnung bei mir noch deutlich unter anderen Notwendigkeiten: z.B. ein Spaziergang mit dem Liebsten, Auspowern beim Sport, Sonne genießen.


2. Man wird öfter gesiezt


Stimmt. Offenbar ist man ja doch so eine Art Respektsperson. Ist doch auch nicht schlecht. Auch wenn ich glaube, dass man Respekt auch im Du zeigen können sollte. Aber auch ich neige dazu, NOCH ältere Leute erstmal zu siezen, obwohl die das ja vielleicht ja ganz locker sehen.

Dass man öfter gesiezt wird, zeigt also vor allem, dass die Jüngeren ERKENNEN, dass der andere deutlich älter ist. Und dass man nicht mehr zur Peergroup gehört. Da macht man sich ja ganz gerne was vor. Außerdem zeigt es auch, dass der Ältere grundsätzlich für SPIESSIGER gehalten wird als der Jüngere sich selbst. Spießigkeit wiederum ist kein Hoheitsgebiet des Alters. Um das auch mal festzuhalten.



3. Weniger Lust auf Partys

Jein. Einerseits: Es gibt weniger Partys. Die Leute haben Familie, die Kinder müssen ins Bett, man ist müde von der Woche, es wird mehr „gediegen“ gefeiert. Essen kochen, Fußballabende usw. Wo keine Party, da kein Wegschleichenmüssen. Also ja: Wenn Party, dann leidet das Durchhaltevermögen an der Müdigkeit durch den Alltagstrott. Und belastbar ist man durchaus auch nicht mehr so wie gaaaanz früher. Isso. Aber kommt IHR erstmal in Arbeit, Leude.

Andererseits: Schaaade! Gerade jetzt hätte ich ab und zu mal richtig Bock auf mehr Paaady! Abzappeln, alkoholische Getränke konsumieren, dummes Zeug reden. Vor allem Abzappeln! Getrunken wird keineswegs weniger, dummes Zeug geredet auch nicht. Aber man sitzt gerne dabei. DAS ist schade! Und leider wahr.


3. Bedürfnis nach Spieleabenden


Hm, nicht wirklich. Siehe oben. Lieber tanzen.


4. Bock auf Wandern


Ich gehöre definitiv zur wandergeschädigten Jugend. Boah, habe ich das gehasst, wenn es hieß: Wir gehen heute wandern. Denn was folgte, war ein ödes Latschen durch die flachen Felder, Wälder und Wiesen Niedersachsens. Wo, bitteschön, ist da der Gusto? Eins stand für mich fest: Wandern würde ich NIIIIEE zu meinem Hobby erklären! Und was war? Kaum überschritt ich die Schwelle zum 40sten, hat es mich hinterrücks überfallen: Ich hatte richtig Bock zu wandern! Es begann mit einem Allgäu-Trip mit meiner Schwester. Und nach dem ersten Schock – Höhenangst, Kletterei, Gradwanderung im Nebel – hat es mich nicht mehr losgelassen. Hey, ich schaffe das, war die erste Erkenntnis. Und – WAAAAHNSINN – was für eine Landschaft, war Erkenntnis Nummer Zwei. Drittens: Auspowern ohne Spitzenleistung, wie wohltuend! Seitdem hat es mich in alle möglichen Ecken und Winkel getrieben. Ich habe mir so viele Gegenden erwandert mit so viel Freude und Spaß, das hätte ich früher nie für möglich gehalten! Und soll ich euch was verraten? Ich habe total viele JUNGE LEUTE getroffen. Vielleicht haben sie begriffen, dass der Overtourism bei Städtetrips nicht mithalten kann mit dem Gefühl, sich DIESE Strecke selbst erlaufen zu haben.

Ohne Menschenmassen, im Angesicht des eigenen Schweißes, mit dem Gesicht im Wind. DAS ist Abenteuer. Saufen auf Malle kann ja jeder.



Die restlichen Plätze in dieser Aufzählung sind schnell abgehandelt. Auf Festivals bin ich nie gegangen. Ich kaufe selten teuren Wein, weil ich lieber Bier, Gin Tonic und Aperol trinke. Auf Qualität bei Klamotten lege ich nur punktuell wert. Meine Sockenschublade ist nach wie vor mit Singles gefüllt. Und ja, ich steige im Urlaub nicht mehr gerne in den letzten Buden ab, weil mir mein Schönheitsschlaf in gepflegter Umgebung deutlich wichtiger geworden ist. Bei diesen Themen bin ich klar. Was mir fehlt, sind andere Dinge. Nicht gesagte. Deshalb findet ihr hier auf Platz 6 bis10 Dinge, an denen ich WIRKLICH merke, dass ich älter werde:

6. Ich kann Rechtschreibung


Punkt und Komma, Groß- und Kleinschreibung: Das sind „skills“, die offenbar in der gehobenen Altersklasse deutlich stärker ausgeprägt sind als bei den Jüngeren. Ich wurde noch gedrillt von meinem Deutschlehrer, und heute sage ich DANKE dafür. Ich weiß, was Subjekt, Prädikat und Objekt ist. Ich kenne die Fälle und wende mich statt an „Herr“ an „HERRN“ Mustermann, wenn ich ein Anschreiben formuliere. Meine Generation ist noch nicht Opfer von Sprachlernreformen, Whatsapp-Sprachkorrekturen und Ex-und-Hopp-Twitter-Talk. Aber auch ich merke, wie ich großzügiger mit Fehlern umgehe, die mit den vereinfachten Spracheingaben in den sozialen Medien einhergehen. Denn sie passieren mir ja auch. Allerdings weiß ich noch, wie‘s richtig geht.


7. Ich kenne Schlawiner, finde manches hanebüchen und bin auch mal indigniert

Manchmal, wenn ich vor meinen Kindern ihnen unbekannte Worte benutzt habe, lachten sie sich schlapp und nannten sie RENTNERWÖRTER. Darauf bin ich stolz. Denn endlich kann ich sagen, ich gebe meinen Kindern etwas mit. Wörter, die sonst in Vergessenheit geraten. Schöne, lustige, interessante Wörter. Und im Gegenzug lerne ich neue Wörter, die oft durchaus ihre Berechtigung haben, weil sie Dinge beschreiben, die ja nun auch neu sind. Die Welt wandelt sich. Und mit ihr die Sprache. Aber darum sollten wir nicht alles vergessen, was vor nicht allzu langer Zeit gang und gäbe war. Das nennt man Sprachreichtum. Ich bin ein Fan davon.

8. Ich kann das Alter anderer nicht mehr gut schätzen


Kennst du das? Du siehst Fernsehkommissarinnen, bei denen du dich fragst, ob die überhaupt schon volljährig sind. Der neue Kollege im Qualitätsmanagement sieht aus wie ein Erstsemester, und du schätzt den Abteilungsleiter als deutlich älter ein, bis sich herausstellt, dass er genau dein Jahrgang ist. Nun, es ist ja auch vertrackt, jeder altert irgendwie anders. Je weiter jemand altersmäßig von mir selbst entfernt ist, desto schlechter funktioniert das Feintuning im Einschätzen: Ich glaube aber auch, dass es anderen, auch den Jüngeren, mit MIR oft nicht anders geht.

9. Ich mag das Wort „Älter“ nicht


Ich gebe zu, es ärgert mich manchmal, wie von Älteren und Alten geredet wird und ich mich dort eingeordnet finde. Ich sehe mich da nicht. Warum gibt es eigentlich kein ordentliches Wort für den Zustand ZWISCHEN jung und alt. „Älter“ ist ja nur eine Krücke. Älter als was? Als jung? Wie definiert sich denn jung? Bis 25? Danach ist man älter? Bis wann? Bis 40? Ist man dann alt? Oder älter als älter? Oder ist man „älter“ bis 55, danach gibt‘s dann kein Zurück mehr. Alt. Bis zum bitteren Ende.

Jung und alt ist wie klein und groß, gut und böse. Alles dazwischen ist zwar zahlenmäßig die größere Menge, aber sprachlich nur ungenau beschrieben. Mittelalt, mittelgroß, mittelgut? Schade, dass die Sprache dafür so wenig Nuancen kennt. Und das, obwohl die Wirklichkeit gerade von der enormen Bandbreite der Nuancen lebt. Dieses Vakuum füllt das Englische ein wenig auf: Es gibt den Teenie, den Twen, Thirty-something – und dann? Die Yummie Mummy? Den Oldie? Cher? Nach oben hin wird auch im Englischen die Luft dünner.



10. Ich hab wieder richtig Bock

Geht es dir auch so? Die Kinder sind aus dem Gröbsten raus, es dreht nicht nicht mehr alles um Familie, Job und Nesterhaltung? Vielleicht hat dein Leben nochmal eine krasse Kehrtwende eingelegt? Du hast nochmal von vorne angefangen? Neue Liebe, neue Wohnung, neuer Job, neue Hobbies? Dann weißt du vielleicht, welche ENERGIE in Lebensabschnitt Drei freigesetzt werden kann. Und diese Energie kann so gewaltig sein, dass man überhaupt nicht versteht, wenn Gleichaltrige jammern über Zipperlein, Stress und Müdigkeit. Ok, Voraussetzung ist natürlich, dass man gesundheitlich noch wenig eingeschränkt ist. Aber hat man da Glück, gibt es weniger Beschränkungen denn je, um sich selbst zu verwirklichen. Ich weiß, das ist ein abgegriffenes Wort. Aber ich sehe das so: Nie ist man mehr man selbst als Ü40, nie weniger beeinflussbar in Bezug auf das Ansehen bei anderen Leuten. Nie weiß man besser, was man kann, noch nie konnte man das besser als jetzt. Man hatte ja schließlich viel Zeit, sich emotional, beruflich und geistig auszureifen und unabhängig zu machen. Also ich hab Bock. Auf sooo vieles.


Aber verdammt, es bleibt mir nicht mehr so unfassbar viel Zeit wie früher.

Das ist das wirklich Fatale.